2004-07-07

Norway

Geweckt werde ich weil jemand neben meinem Zelt Eichhoernchen fuettert. Ich warte noch ein paar Schauer ab und mach mich dann auf den Weg zur Passhoehe. Es geht gegen eiskalt schneidenden Wind, so dass ich mich freue, endlich die Serpentinen zu erreichen und den Wind nicht immer direkt von vorne abzubekommen. Die Landschaft ist fantastisch, wild, felsig, mit kleinen Schmelzwasserseen und Schneeflecken eingestreut. Auf der Passhoehe von 1434 Metern schneit es, wie sich das fuer einen richtigen Pass gehoert. 5 Minuten spaeter hoert es wieder auf, wie sich das fuer gutes Wetter gehoert ;-)

Ich treffe nen niederlaendischen Biker auf dem Weg zum Nordkapp. Er ist durch Wales, Irland und Schottland gefahren hierher und kann mir einiges ueber meine zukuenftige Route erzaehlen. Dann unterhalte ich mich mit ner ganzen Gang Motorradfahrer aus Deutschland, die irgendwelche alten Schaetzchen fahren mit Sargartigen Holzkisten als Beiwagen. An der Berghuette treffe ich zwei nette, auf den Bus wartende Maedels aus Oslo, die zum Hiken hier sind. Ein daenisches Paerchen leiht mir ihr Fernglas und ich beobachte ne Truppe Leute beim Eisklettern am Gletscher - das waer nochmal n Hobby fuer mich! Kurz vor der Abfahrt geniesse ich die Aussicht in ein Traum von Tal...

that does it! That is the final straw. Im never gonna be happy again without mountains. Goodbye Muenster. Die Abfahrt laesst sich vielversprechend an, mit nem Schild 8% Gefaelle fuer 10km und zwei bergauf verreckten Autos. Aber das ist erst die Aufwaermrunde, anschliessend kuendigt ein Schild 10% fuer ein paar km an und danach noch einmal 8% ueber 3km zum gemuetlichen Ausrollen. Was ein Spass!!! Wenn du in deinem groessten Gang widerstandslos ins Leere trittst, dir 40km/h wie Stillstand vorkommen, der Wind selbst durch 3 Schichten Trikot plus GoreTex Jacke noch durchpfeift und du dir bei mehr als 80km/h ueberlegst, ob die Bodenwelle voraus dich umbringen wird, ist das Leben in Ordnung. Yehaa!

Ich hab das Glueck noch eben schnell einkaufen zu koennen, waehrend schon die Ladentueren verschlossen werden. In Tourist Info erfahre ich, dass meine Faehre heute eh nicht mehr faehrt, also kann ich die letzten km gemuetlich angehen lassen und die Aussicht auf den smaragdgruenen See geniessen... Der "See" ist bereits der Fjord, aber die Farbe stimmt trotzdem ;-) Ich fahre die Suedseite, eine Strecke, die teilweise so schmal ist, dass die Autos nicht einmal an mir vorbeikommen. Es gibt 2 unbeleuchtete Tunnelkilometer und ein Schild, dass die "long history of a short road" erzaehlt: die Strasse ist 30km lang und befand sich in Abschnitten von 1916 bis 1994 im Bau. Auf der anderen Seite des Fjords regnet es und ich kann ein fantastisches Lichtspiel durch die Wolken und auf dem Wasser beobachten.

Mein Tacho faellt mir hin und verliert alle seine Einstellungen. Bis auf die Gesamthoehenmeter und Fahrtzeit kann ich das meiste aus dem Kopf rekonstruieren. Das Bike hat in seiner Laufbahn (Rollbahn? Fahrbahn?) mittlerweile ~16000km und ~65000hm erlebt. Auf dieser Tour bin ich jetzt ziemlich genau 10.000km gefahren - das wird erstmal mit diesem polnischen Honigschnapps zelebriert. Da ich wegen der Faehre meine Tagesetappe so frueh beenden musste bin ich noch nicht ganz ausgelastet und laufe noch nen Berg hoch. Vorbei an Norwegens aeltester (Holz-)Kirche, deren Urspruenge vor die Christianisierung Norwegens, ins 9. Jahrhundert, zurueckreichen. Bis auf das Rauschen des Windes ist es absolut still. Ein alter Bauer schichtet weit unter mir mit der Forke Heu auf. Die dunklen Wolken sind von der Sonne golden gerahmt. Es gibt einen einzigen, kleinen blauen Fleck Himmel, in den sich die maechtige Krone eines freistehenden Baumes erhebt - auf der anderen Seite des Fjordes, hunderte Meter ueber dem Wasser auf der Klippe. Wenn das kein Bild fuer die Goetter ist weiss ich es auch nicht. Wie um die Idylle perfekt zu machen steh ich auf dem Weg runter einem Reh gegenueber. Das hat scheinbar vergessen, dass es ein Fluchttier ist und ich ein carnivore, und so zueck ich in aller Ruhe meine Kamera, mach ein Foto ohne Blitz, ein Foto mit Blitz, checke die Resultate auf dem Display, und erst dann, in aller Ruhe, trottet es davon.

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