2004-07-20

Scotland

Trotzt der Tatsache, dass ich mein Zelt immer nur mit Hechtspruengen betreten und verlassen habe und das Fliegengitter quasi immer zu war, wimmelt es drinnen von den kleinen Scheissviechern. Erschlagen kann man sie nicht wirkungsvoll also versuch ichs mit ner Kerze - und fackel dabei fast das Zelt ab. Mein Innenzelt ist nun ein bisschen angeschmorrt. Hilft alles nichts, also schlaf ich mit Buff und langen Klamotten, was viel zu warm ist.

Da freu ich mich glatt ueber den Gegensturm heute morgen - der vertreibt wenigstens die Biester. Wusste nicht, dass das Nordseeoel so dicht an der Kueste gefunden wurde, aber eine Bucht hier beherbergt ein halbes dutzend Bohrinseln. Auf Denkmaelern und Parkbanken etc gibt es oft Aufkleber mit dem Hinweis, dass sie aus dem staatlichen Lotteriefund bezahlt wurden. Was wird bei uns mit den Lottoeinnahmen gemacht? "Tax for the mathematically challenged".

Schafe, ueberall Schafe! Frisch geschoren sehen sie irgendwie armselig aus...

Ich mach gerade Mittag auf ner Parkbank als ein alter Reiseradler bei mir haelt. Er ist Rentner, vor 40Jahren von England nach Neuseeland ausgewandert und seit 12 Jahren und ~250.000km mit dem Fahrrad unterwegs. Mit ein paar Wochen Aufenthalt in seiner Wahlheimat jedes Jahr. Er warnt nachdruecklich vor Afrika. Und spricht mir voll aus der Seele, als er eine Rede haelt warum er seine eigene Website abgeschafft hat. Er war es leid angemacht zu werden von Leuten, dass er mails nicht, oder spaet beantwortete. "People think you are having a good time when in reality its more like a job. Cycling, trying to find food and water and a place to sleep. They don't appreciate the amount of work required just staying alive - let alone sitting in front of a keyboard typing emails." Amen to that brother!

Aber versteht mich nicht falsch, ich bekomme gerne mails - in gewisser Hinsicht halten die mich am Leben. Ich beantworte sie auch gerne, jeder, der mir frueher schon geschrieben hat, weiss, dass ich das auch prompt und ausfuehrlich tue. Doch auf Tour vergehen nunmal oft Wochen ehe ich Gelegenheit und Musse dazu habe. Von technischen Problemen mal ganz abgesehen. "Which country did you like best?" - "Always the next one".

Ich fahre 70km und lande mitten im nirgendwo, nicht einmal Schafe gibt es. Am Horizont konnte ich die ganze Zeit zwei Berge sehen, ohne dass ich sagen konnte welches der hoehere ist. Das aergert mich, normalerweise kann ich sowas ganz gut einschaetzen. Also fahr ich ein paar km querfeldein, wandere ein paar weitere km querfeldein, wandere ein paar weitere km durch das Hochmoor, jeder Schritt schmatzt, und besteige den ersten: 611m. Wieder komplett runter und rauf auf den zweiten: 608m. Aha, kein Wunder, dass mir da das Augenmass versagte.

Unterwegs habe ich mehrfach ein Rudel Rehe aufgescheucht, wenigstens 30 Tiere. So in Masse ueber die Haenge jagend sehen die verdammt elegant beeindruckend aus. Auf dem ersten Gipfel war es windig, auf dem zweiten musste ich mich breitbeinig gegen den Sturm stemmen, um die Kamera fuer Fotos wenigstens ansatzweise ruhig zu halten. Und als ich wieder runterkomme ist die Hoelle los. Ich fahre in einem meiner kleinsten Gaenge, der sonst Steigungen >10% vorbehalten ist, auf ebener Strecke gegen den Wind. Beim Zeltaufbau wird mir die Tasche fuer die Stangen aus der Hand gerissen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen, obwohl ich eine sofortige search and rescue mission starte. Es regnet, was den abgefahrenen Effekt hat, dass die eine Zeltseite nass ist, waehrend die lee Seite komplett trocken bleibt. Ich benutze alle 18 Heringe und dennoch ist richtig Leben in der Bude. Mir egal, mein Bauch ist voll, ich bin nach 76 Fahrradkilometern mit 1000hm plus etlichen gewanderten Kilometern mit mehr als 1200hm richtig angenehm erschoepft... ;-)

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