2004-07-29

Scotland

Ich marschiere noch einmal 10km und finde beim zweiten Versuch einen Radladen, der nur halb inkompetent ist und erwerbe dort nen neuen Mantel, dem ich immerhin ne Woche Ueberleben zutraue. Weil der allgegenwaertige und immerwaehrende Nieselregen mich kaum richtig nass macht schuettet es noch einmal so richtig. Natuerlich geht es auch weiterhin gegen gehaessigen Wind. Schottland gibt es in zwei Geschmacksrichtungen: bewoelkt regnerisch mit Wind und bewoelkt regnerisch ohne Wind. Mit Wind ist ewige Quaelerei dagegen an, ohne Wind ist noch viel schlimmer weil einen dann die Nasties (midges) in den Wahnsinn treiben. Mag ja sein, dass die mit abendlicher Dusche um den Juckreiz wegzuspuelen und vier Waenden um einen herum ertraeglicher sind - aber wenn man denen, wie ich, non-stop ausgeliefert ist machen sie aggressiv. Wenn heute ganz Grossbritannien in den Fluten des Meeres versinken wuerde, ich wuerde nicht einmal mit den Schultern zucken.

Als sanfte Einstimmung fahre ich an einem totgefahrenen Reh vorbei. Suess, wie es mir die schwarz geschwollene Zunge herausstreckt waehrend Fliegen in dem geoeffneten Auge herumkrabbeln. Danach komme ich durch eine frische Unfallstelle: 40 Tonner gegen kleinen Fiat. Eins zu Null fuer das Transportunternehmen. Besonders niedlich finde ich den "Baby on Board" Aufkleber, der die letzten Reste der zertruemmerten Heckscheibe zusammenhaelt. Vielleicht hat ja diesmal jemand etwas gelernt, in jedem Fall hat aber jemand viel Blut verloren. Keine 5km weiter passiere ich erneut nen "Police, Accident" Aufsteller. Ist aber langweilig, hat sich nur jemand Kopfschmerzen geholt, indem er in die Leitplanke gefahren ist. Noch einmal 3km entfernt bleibt ein Auto mit quitschenden Reifen keine 2cm von meinen Packtaschen entfernt stehen. Eine Fahrlehrerin in Fahrschulwagen dachte wohl Fahrraeder haetten auf Vorfahrtsstrassen keine Vorfahrt. Man sollte Unfallopfer an Ort und Stelle verwesen lassen. Oder noch besser, an Ampeln aufhaengen. Mittelaltermaessig als Abschreckung - die Kreuze am Strassenrand reichen ja offensichtlich nicht. Oder wie kann man sonst die norwegischen Jugendlichen erklaeren, die den ganzen Tag zum Spass durchs Dorf fahren? Oder das Ehepaar auf dem Campingplatz, dass die 200m von ihrem Wohnwagen zur Rezeption und zurueck mit dem Auto faehrt? Oder den Knilch aus Deutschland, der freiwillig jeden Tag mehr als 200km Arbeitsweg faehrt, weil ihm sein Arbeitgeber den Firmenwagen zahlt? "Umziehen waer kein Problem, aber ich fahre gerne Auto." Wenigstens derart ueberfluessige Fahrten koennten doch wohl vermieden werden?!

Und bevor mir jetzt jemand den Vorwurf macht ich sei geschmacklos mit meinen Vorschlaegen und Beschreibungen - ja, bin ich. Aber es ist nunmal die Realitaet und was kann ich momentan schon machen ausser Toben und wueten? Ben Harper singt: "I've seen enough to know that I've seen too much." Wenn nur ein einziger ein einziges Mal weniger in sein Auto steigt wegen mir hat es sich ja schon gelohnt. Und ich habe durchaus auch konstruktivere Ideen, nur um die umzusetzen brauche ich mehr Zeit und eine Heimatbasis.

Wenn ich eines gelernt habe auf dieser Tour, dann ist es selbst gegen die widrigsten Umstaende noch irgendwie selbstmotiviert zu bleiben. Doch diese "always look on the bright side of life" Faehigkeit wird mir langsam aber sicher ausgeregnet und weggeblasen. Das einzige, was mich noch voran treibt ist die verzweifelte Hoffnung irgendwo muss es doch richtig Sommer sein und dass ich hier bald weg bin! Aber selbst da weiss Schottland mir nen Strich durch die Rechnung zu machen mit nem grossen Schild "No Ireland ferry services". Ich bin mittlerweile so gewohnt die Schiffe als Teil des Strassennetzes zu sehen, dass mir gar nicht in den Sinn kam, dass sie auch mal ausfallen koennten.

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